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Erinnerung einer Lehrerin (1955)

Eugenie Tenderich kam zwei Jahre nach der Eröffnung an die Katholische Mädchenschule Dachau-Süd. Nach Stationen in Moosbach im Oberpfälzer Wald, Moosbach im Bayerischen Wald und in München hatte sie sich wegen ihres Mannes nach Dachau versetzen lassen. Sie unterrichtete bis 1984, und war zuletzt Konrektorin an der Grundschule.

Frage: Frau Tenderich, Sie haben 1955 angefangen in Dachau-Süd.
Tenderich: Ja, 1952 bin ich nach Dachau gekommen, dann war ich zwei Jahre in München an der Schule und anschließend kam ich nach Dachau, und war zuerst ein Jahr in der Lagerschule in Dachau-Ost. Dann kam ich nach Dachau-Süd - das war sehr günstig für mich, weil ich auch in Dachau-Süd wohnte, und bekam da eine sechste Klasse. Und zu meinem Erstaunen waren da unendlich viele Kinder drinnen, es waren nahezu 60 Kinder in einer Klasse. Das waren damals überhaupt überfüllte Klassen, und mit Raumnot hatten wir trotzdem noch zu tun, obwohl das eine neue Schule war.

Frage: Die Klassenräume in der Schule waren ja eigentlich nur für 50 Kinder geplant ...

Tenderich: Ja, ja, das war eine gedrängte Fülle, muss man schon sagen. Und später, also einige Jahre später, hat sich das irgendwie normalisiert. Und dann ist teilweise auch noch Schichtunterricht erteilt worden.

Frage: Was heißt das genau?

Tenderich: Also Vormittag zum Beispiel eine Klasse, Nachmittag wieder eine andere Klasse, und das ist natürlich im Wechsel gewesen. Und es war dann sogar mal eine Zeit, kann ich mich erinnern, da sind einige Klassen zur Thoma-Schule ausgelagert worden. Die sind in der Früh' mit dem Bus abgeholt worden und dann wieder zurückgebracht worden.

Frage: Heute klagen ja viele Lehrer über die Disziplinlosigkeit der Schüler...

Tenderich: (lacht) Ja also, man muss natürlich da etwas auseinanderhalten. Wir haben damals reine Mädchenklassen gehabt. Die waren natürlich in der Disziplin besser als gemischte oder Knabenklassen. Aber dann hernach, wie die gemischten Klassen waren,war's mir eigentlich ganz angenehm, denn Buben und Mädchen zusammen, das ist doch irgendwie natürlicher. Denn Mädchenklassen, naja.... Aber die eine Klasse, die ich damals hatte, mit 60, die war ja bissel verwildert. Das war ja schlimm.

Frage: Das war eine Mädchenklasse!

Tenderich: Reine Mädchenklasse, 6. Mädchenklasse, und mit 60 (Schülerinnen) - also das möcht' ich nicht mehr erleben, hab' ich damals gedacht. Das war auch dann nie mehr der Fall.
Frage: Was hat man als Lehrer für Möglichkeiten gehabt, so eine Klasse zu disziplinieren? Und was hat sich geändert, was durfte man vielleicht am Anfang noch und später nicht mehr?
Tenderich: Also Sie meinen wahrscheinlich wegen der Disziplinarstrafe und so... Das ist eigentlich, also indiskutabel. Man hat Kinder nicht geschlagen, wie man sich's vielleicht vorstellt, mit dem Lehrer mit dem Steckerl da vorne. Also das war nicht der Fall. Aber es war halt schwierig, das zu handhaben.

Frage: Sie haben erzählt, am Anfang haben Sie 5./6. Klasse unterrichtet, später 1./2. Klasse.
Tenderich: 5./6. bis eine Lehrkraft, eine Kollegin, unbedingt in die 5./6. Klasse wollte, und ich als jüngere musste dann zurückstehen und bin dann in die 1./2. Aber ich hab's eigentlich nie bereut. Es war mir sehr gelegen irgendwie, die Kleinen, die sind ja sehr sehr nett.

Frage: Was hat sich denn so am Arbeitsmaterial, das man hatte, verändert? Heute wird mit Videofilmen und Tageslichtprojektoren gearbeitet - wie ging das los nach dem Krieg?

Tenderich: Nach dem Krieg, da kann ich mich erinnern, habe ich mir eine Tuchtafel gekauft, wo man die Symbole irgendwie an die Tuchtafel heften konnte. Und das war damals sehr modern (lacht) und das habe ich mir alles privat zugelegt, weil mir das Spaß gemacht hat. Und das war schon was Vorteilhaftes. Dann haben wir diesen Projektor bekommen, der ist von der Schule gestellt worden. Aber natürlich wie heutzutage - das kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, was da alles los ist ... (lacht)

Frage: Haben die Kinder da gleich in Hefte geschrieben oder hatten die noch Schiefertafeln am Anfang?

Tenderich: Wir haben anfangs noch Schiefertafeln gehabt, und dann ist die Kunststofftafel gekommen, die war natürlich schon viel vorteilhafter, weil sie viel leichter war für den Schulranzen, der ja sowieso so schwer ist, auch heute noch. Und diese Tafeln waren gar nicht so schlecht: man konnte ablöschen, man konnte wieder neu was drauf schreiben - also die Kinder haben's gemocht und wir auch. Und später ist natürlich alles in Hefte geschrieben worden, da war ein großer Verbrauch an Papier, aber das hat man ja gehabt...

Frage: Auch die Unterrichtsform hat sich sicher im Laufe der Jahre geändert. Ich stelle mir vor, dass das in den 50er Jahren so ein Frontalunterricht war. Mit viel Auswendiglernen, auch wegen der großen Klassen,...

Tenderich: ...ja, das war nicht einmal so schlecht, das Auswendiglernen! Das hat das Gedächtnis zum Beispiel sehr geschult, und ich kann mich an viele Sachen noch erinnern, die ich in meiner Schulzeit auswendig gelernt hab'. Und das finde ich gar nicht einmal so übel.

Frage: Aber Gruppenarbeit, Teamarbeit...

Tenderich: ... hat man schon gehabt, also das hat man schon gemacht. Da hat's sogar Schulen gegeben mit eigenen Gruppenräumen, wo also einzelne Gruppen unterrichtet worden sind. Ich kann mich erinnern, mein Mann ist Architekt, und der hat in der Nähe von Straubing so eine Schule gebaut, da sind ausgesprochen Gruppenräume an die Klassenzimmer gekommen, mit Fenster, sodass man d rüberschauen konnte, was die da drüben machen in der Zwischenzeit.
Frage: Wann war das ungefähr?

Tenderich: Also das muss so um 1950 rum gewesen sein. Denn '52 bin ich ja nach Dachau gekommen. Und das hat sich bestimmt bewährt - wir haben ganz gern in einzelnen Gruppen gearbeitet. Aber da kann man natürlich nicht so riesen Klassen haben, weil man da X Gruppen hat, die man da überblickt...

Frage: Würden sie heute noch unterrichten wollen?

Tenderich: Eigentlich nimmer. Es ist die Zeit vorbei und es war schön, ich bin gerne Lehrerin gewesen, das muss ich ganz ehrlich sagen, und es war eigentlich immer etwas Besonderes an der Schule: Wir haben uns gut vertragen, wir haben gut zusammengearbeitet, ich bin sehr gerne an der Schule gewesen. Aber heutzutage - es ist ein anderer Zeitabschnitt, jetzt ist es vorbei... (lacht).